Helden ohne Degen auf
der „Straße der Erinnerung“

Mit ihren Denkmälern würdigt die Ernst Freiberger Stiftung herausragende Persönlichkeiten, die vor allem in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts als „Helden ohne Degen“ Außergewöhnliches geleistet und in schwierigsten Zeiten vorbildliche Haltung beweisen haben. Ludwig Erhard ist die achte Person der Zeitgeschichte, deren Büste die „Straße der Erinnerung“ am Berliner Spreebogen säumt. Vor ihr ehrte die Stiftung bereits eine der großen Frauengestalten des 20 Jahrhunderts, die jüdische Philosophin und spätere Karmeliterin Edith Stein, den gescheiterten Hitler-Attentäter Georg Elser, den ebenfalls von den Nazis ermordeten Schriftsteller Albrecht Haushofer, den Computer-Pionier Konrad Zuse, den früheren Unternehmer und Reichsaußenminister Walter Rathenau, den Schriftsteller und Nobelpreisträger Thomas Mann sowie den Architekten Ludwig Mies van der Rohe. Jeder der geehrten Persönlichkeiten widmet die Stiftung eine wissenschaftliche Dokumentation.


Bild-Impressionen


Ludwig Erhard

Ludwig Erhard wurde am 20.09.1949 als Wirtschaftsminister im ersten Bundeskabinett unter Bundeskanzler Konrad Adenauer vereidigt und bekleidete dieses Amt bis 1963. Er gilt als Begründer der Sozialen Marktwirtschaft und des Wirtschaftswunders in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.
Ludwig Erhard
Es war seine Überzeugung, dass marktwirtschaftliche Politik jederzeit sorgfältig auf die jeweiligen sozialen Verhältnisse abgestimmt werden und dafür sorgen muss, dass sich zugleich mit der Herstellung der marktwirtschaftlichen Ordnung auch die soziale Lage der Bevölkerung verbessert. Kennzeichen seiner Zeit als Wirtschaftsminister waren hohe Wachstumsraten des Bruttosozialprodukts, bemerkenswerte Lohnsteigerungen bei stabilen Preisen, hohe soziale Sicherheit bei ausgeglichenen öffentlichen Haushalten, Vollbeschäftigung und eine nachhaltige Verbesserung der deutschen Außenhandelsbilanz. Am 16.10.1963 wählte der Deutsche Bundestag Ludwig Erhard mit großer Mehrheit zum Bundeskanzler. Von diesem Amt trat er am 1.12.1966 zurück. Auch in diesen drei Jahren erreichte Ludwig Erhard viel: Er hat den inneren Frieden in Deutschland gefestigt und außenpolitisch die Grundlagen für eine neue Deutschland- und Ostpolitik gelegt. Er hat Hürden auf dem Weg zur europäischen Integration überwunden, das diplomatische Verhältnis zu Israel und zu den arabischen Staaten geklärt und der Welt in einer Friedensnote dargelegt, dass die Deutschen an einer dauerhaften Friedenssicherung tatkräftig mitwirken wollen.


Wir sind das Volk

Bisher hat die Stiftung stets Einzelpersonen geehrt.
Wir sind das Volk
Mit dem Denkmal „Wir sind das Volk“ weicht sie von diesem Prinzip ab. Sie verlässt auch die Zeitschiene der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, weil die friedliche Revolution der Menschen in der ehemaligen DDR von historischer Dimension ist. Sie war die Tat Hunderttausender, die gegen die kommunistische Diktatur aufbegehrten. Jeder Einzelne von ihnen ging dabei ein hohes Risiko ein, riskierte seine Gesundheit, sein Leben oder lief Gefahr, verhaftet zu werden. Sie alle müssen in einem Atemzug wie die anderen „Helden ohne Degen“ genannt werden, die das Bild Deutschlands in der Welt positiv beeinflussten.
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Edith Stein

Sie ist eine der großen Frauengestalten
Edith Stein
des 20. Jahrhunderts. In einer von Gottvergessenheit und Menschenvernichtung geprägten Zeit ergreift die jüdische Philosophin und spätere Karmeliterin in ihrem gedanklichen Ringen um Wahrheit den Weg des Glaubens und tritt mit ihrem Leben für Christus ein. Dabei schafft sie Verbindungen zwischen jüdischer und christlicher Existenz, zwischen wissenschaftlicher Leistung und gläubiger Hingabe. Vor den Nazis flüchtet sie von Köln nach Holland und wird, nachdem tapfere holländische Bischöfe einen Hirtenbrief gegen die Verfolgung der Juden von den Kanzeln verlesen lassen, nach Auschwitz verschleppt und 1942 in der Gaskammer ermordet. Edith Stein wird 1998 in Rom heiliggesprochen und 1999 zur Patronin Europas ernannt. Sie ist eine bleibend aktuelle Gestalt von geistiger Kultur, tiefer Solidarität und schlichter Menschlichkeit.
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Georg Elser

Um ihn ranken lange Zeit viele Gerüchte.
Georg Elser
Noch weit nach dem Krieg wird er diffamiert. Manche sehen in dem einfachen Handwerker und Hilfsarbeiter eine Marionette der Nazis. Erst 1969 werden alle Zweifel ausgeräumt: Georg Elser ist allein, als er Hitler töten will und am 8. November 1939 eine Bombe im Münchner Bürgerbräukeller zündet. Acht Menschen sterben. Hitler kommt davon, weil er 13 Minuten zuvor den Keller überraschend verlässt. Wäre das Attentat gelungen, es hätte den Gang der Weltgeschichte wie kein anderes Ereignis den 20. Jahrhundert verändert. Nach seiner Verhaftung gesteht Elser die Tat. Er wird ins KZ Sachsenhausen verschleppt, später in Dachau gefangen gehalten. Dort wird er auf Befehl Hitlers am 9. April 1945 erschossen.
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Ludwig Mies van der Rohe

Er hängt seinem Nachnamen Mies
Ludwig Mies van der Rohe
den Familiennamen seiner Mutter van der Rohe an, um zu zeigen, dass der Erste Weltkrieg einen anderen Menschen aus ihm gemacht hat.
Ludwig Mies van der Rohe entwirft mit dem Glashochhaus am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin die so genannte Haut-und-Knochen-Architektur, gestaltet Grabsteine für Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, wird Leiter des Bauhauses in Dessau – und bekennt sich radikal zur modernen Architektur. Seinen Entwurf für den deutschen Pavillon auf der Weltausstellung 1934 in Brüssel lehnt Hitler ab, eine praktische Tätigkeit als Architekt wird durch die Nationalsozialisten - für ihn unmöglich. Mies van der Rohe emigriert 1938 in die USA und wird dort Architekturleiter am Illinois Institute of Technology in Chicago. Er baut die berühmten Appartementtürme am Lake Shore in Chicago und entwirft das Seagram-Gebäude in New York. Der gebürtige Aachener stirbt 1969 in Chicago – ein Jahr nach der Fertigstellung seiner Neuen Nationalgalerie in Berlin.
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Thomas Mann


Thomas Mann
Kaum ein anderer Autor hat sein Leben lang ähnlich viele öffentliche Kontroversen ausgelöst. Thomas Mann ist der klassischen deutschen Dichtung verpflichtet. Das ersehnte internationale Ansehen bringt ihm 1929 der Nobelpreis für Literatur für seinen Roman „Buddenbrooks“. Seine Laufbahn als Schriftsteller beginnt 1893 mit der Prosaskizze „Vision“ und endet kurz vor seinem Tod mit einem Geleitwort zur Anthologie „Die schönsten Erzählungen der Welt“ (1955). Der eigentliche Durchbruch gelingt ihm mit der Erzählung „Der kleine Herr Friedemann“ (1897). Thomas Mann schreibt acht Romane, mehr als 30 Novellen, ein Schauspiel, ein Versepos, zahlreiche Essays, autobiografische Schriften, Vorträge, Reden, politische Manifeste und an die 3000 Briefe. Darüber hinaus führt er sein ganzes Leben lang Tagebuch. Früh ist er auch ein politischer Mensch, der sich gegen die Nazis richtet und ins Visier der Gestapo gerät. Nach dem Bekenntnis zum Exil (1936) setzt eine rege politische Arbeit ein. In den Kriegsjahren 1940 bis 1945 die monatlichen Radiobotschaften nach Deutschland.
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Walther Rathenau

Selten traten in einer Person
Walther Rathenau
Wechselbeziehungen und Widersprüche zwischen Wirtschaft und Gesellschaft, Politik und Kultur in Deutschland so deutlich in Erscheinung. Als Sohn des AEG-Gründers Emil Rathenau, tritt Walther Rathenau zunächst in die AEG ein und wird deren Aufsichtsratsvorsitzender. Daneben engagiert er sich als Anhänger der bürgerlich-liberalen Opposition gegen den Wilhelminismus und bemüht sich nach 1918 um die Bildung einer bürgerlichen Sammelpartei. Als Wirtschaftssachverständiger der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) ist er an der Ausgestaltung der ersten deutschen Demokratie beteiligt, tritt im Mai 1921 als Wiederaufbauminister in die Regierung ein und wird 1922 Außenminister. Mit wachsendem Ansehen im Ausland vertritt er die Interessen der jungen deutschen Republik und postuliert in seinen Schriften die Idee einer Gesellschaft jenseits von Kapitalismus und Sozialismus. Gegner der Weimarer Republik sehen sich durch seinen außenpolitischen Verständigungskurs und seine jüdische Herkunft provoziert. Zwei Offiziere der rechtsradikalen Organisation Consul töten Walther Rathenau am 24. Juni 1922 auf offener Straße in Berlin-Grunewald.
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Konrad Zuse


Konrad Zuse
Manche nennen ihn den Schöpfer des ersten frei programmierbaren Rechners in binärer Schalttechnik und Gleitpunktrechnung. Für andere ist er schlicht der Vater des Computers. Am 12. Mai 1941 stellt Konrad Zuse seine funktionsfähige Rechenmaschine Z3 einer kleinen Gruppe von Besuchern in Berlin-Kreuzberg vor. Damit hat er, unbemerkt von der Öffentlichkeit, seinen Traum von der vollautomatischen Rechenmaschine verwirklicht. Schon seine Z1 (1936-1938) ist die erste programmgesteuerte Rechenmaschine der Welt. Die zuverlässigere Z2 (1938-1939) verwendete das Prinzip des mechanischen Speichers der Z1, setzt für das Festkommarechenwerk jedoch Telefonrelais ein, danach baut er die Z3 vollständig aus Relais. Die Z4 übersteht als einzige die Bombardierung Berlins und bleibt nach dem Krieg lange auch die einzige kommerziell eingesetzte programmgesteuerte Rechenanlage Europas. Konrad Zuse gründet 1949 die Zuse KG. 1964 produziert sie 250 Computer im Wert von mehr als 100 Millionen Mark. Danach wird sie von der Konkurrenz überrannt.
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Albrecht Haushofer

In der Nacht vom 22.
Albrecht Haushofer
auf den 23. April 1945 werden Albrecht Haushofer und 15 Mithäftlinge von einem SS-Kommando aus dem Gefängnis Berlin-Moabit abgeholt und erschossen. Bei Haushofers Leiche finden sich seine „Moabiter Sonette“ – Gedichte aus der Haft. Sie zeugen von der Trauer über den Untergang Deutschlands und sie klagen die Schuldigen an. Zugleich verschweigen sie aber auch nicht die eigene Verantwortung: Haushofer wird, obwohl er „Vierteljude“ ist und bereits 1933 „schwarz“ sieht, außenpolitischer Mitarbeiter von Hess und Ribbentrop, um das schlimmste zu verhinden.1940 erhält er eine Professur für politische Geographie und Geopolitik in Berlin. 
Erfolglos bei seinem politischen Hauptziel, der Verhinderung eines zerstörerischen Kriegs, schließt er sich dem Widerstand an. In einem Bergbauernhof bei Garmisch-Partenkirchen wird er nach dem gescheiterten 1944 verhaftet.
 Die „Moabiter Sonette“ zeigen, so der Haushofer-Biograf Ernst Haiger, „wie sich ein Mensch mit tapferer Gelassenheit der Todesgefahr stellt“. 1946 erscheint die erste reguläre öffentliche Ausgabe. Sie werden in der Haushofer-Biographie der Ernst Freiberger-Stiftung neu publiziert.
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