Was wird aus der Familie?


Münchner Merkur vom 23.12.2010
Die Familie verändert ihr Gesicht. Neben den alten Formen treten ganz neue. Es gibt viel Bewegung - und weniger Stabilität. Doch wer kümmert sich später um die Kinder, wer um die Alten? Für manche liegt die Lösung in der Großfamilie. Die Ernst Freiberger-Stiftung, die sich gesellschaftlichen Themen widmet, betreibt dazu ein weltweites Forschungsprojekt. Ihr 3. Ameranger Disput liefert eine Art Zwischenbilanz.

München – 377.055 Ehen wurden 2008 in Deutschland geschlossen. Und 191.948 geschieden. Die Ehedauer betrug bei der Scheidung im Schnitt 14,1 Jahre. Die Frage nach der Zukunft von Ehe und Familie drängt sich auf. Welche Lösungen gibt es? Die Ernst-Freiberger-Stiftung, die sich gesellschaftlichen Themen widmet, betreibt dazu ein weltweites Forschungsprojekt. Ihr 3. Ameranger Disput im Chiemgau lieferte eine Art Zwischenbilanz.
Richard David Precht, bekannt als Autor von Büchern wie „Liebe – ein unordentliches Gefühl“, glaubt: „Die Zukunft wird wieder in Großfamilien liegen.“ Schließlich sei der Zusammenhalt von Clans ein „artspezifisches Verhalten“. Über Jahrhunderte lebten die Menschen so zusammen. Zu einem solchen Familienverband gehörten ein Großteil der Verwandtschaft, unverheiratete Geschwister, Cousinen, Ammen, Hauspersonal, Gesinde. „Sowohl Bauern wie Stadtbürger lebten in Clans, nicht anders als viele Naturvölker und Nomaden“, schreibt Precht in seinem Buch über die Liebe. Die neue Großfamilie könnte eine modifizierte Wiederaufnahme dieser Struktur sein, indem sie Ex-Partner und Freunde einschließt.
Generell werde der Wert von Freundschaften wachsen, meint der studierte Philosoph Precht. Schon heute würden sie oft die Beziehung überdauern: „Partner kommen und gehen – aber Freunde bleiben.“ Dies ist ein bemerkenswertes Novum. Denn früher habe man mit Beginn der Ehe die Freunde eher aufgegeben.
Precht zufolge ist die heutige Kernfamilie Vater-Mutter-Kind permanent überfordert und wird zu Unrecht verklärt. Die Krux liege in den (zu) hohen Ansprüchen: Junge Paare erwarten eine Selbstverwirklichung für beide, Verständnis und Gleichberechtigung bei fortwährender Romantik und den besten Bedingungen fürs Kind. Je höher das Familienideal, desto größer sei die Gefahr der Enttäuschung – somit treibe gerade diese Idealisierung
viele Familien zum Scheitern.
Die heute übliche Kernfamilie sei erst durch die moderne Sozialgesetzgebung des Staats funktionsfähig geworden, meint Precht. „Ein Land ohne Renten und Pensionen, Hinterbliebenenschutz und soziale Auffangnetze konnte und kann sich Kernfamilien nicht leisten.“ Auch wenn das verheiratete Paar mit Kind(ern) weiterhin das Ideal verkörpert, in der Realität sei es nur noch ein Modell unter vielen möglichen: Nichteheliche Lebensgemeinschaften, Patchworkfamilien, Alleinerziehende, gleichgeschlechtliche und Fernbeziehungen setzen sich immer mehr durch.
Richard David Precht selbst hat einen Sohn und drei Stiefkinder. Seine Familie beschreibt er so: „Ich bin der
Stiefvater, kein Konkurrent des Vaters. Ich achte und schätze diesen Mann. Der Vater bleibt die stärkste Bindung.“ Aber Patchwork könne, wo es klappt, eine Bereicherung für alle sein.
Die Familie war bislang für alle sozialen Belange zuständig. Doch auch in diesem Bereich zeichnen sich gravierende Veränderungen ab. In den westlichen Ländern werden immer weniger Kinder geboren, und es gibt immer mehr Alte. „Außerdem stehen die Frauen zunehmend im Berufsleben, und die Zeitstrukturen von Berufswelt und Kindern sind kontrovers“, erläutert Hans Bertram, Professor für Mikrosoziologie an der Berliner Humboldt Universität, ein weiteres Problem am Beispiel der USA. Auch hier etablieren sich Alleinerziehende
als neue Lebensform. Die Frage, wer die ökonomische Basis der Familie sichert, werde neu gestellt – zumal viele Väter aus der Fürsorge aussteigen, indem sie ohne Kinder leben. Nur 55 Prozent der Männer im Alter zwischen 40 und 50 Jahren leben mit Kindern zusammen. Bei den Frauen sind es 78 Prozent.
Eine Folge dieser Entwicklung: Beruflich erfolgreiche Frauen kaufen sich Pflege und Zuwendung für ihre Angehörigen, die sie selbst nicht leisten können – und lassen den Nachwuchs von der philippinischen Kinderfrau versorgen.
Auch in Deutschland ist ein solcher Trend erkennbar. Bei uns wird vor allem die Altenpflege „ausgelagert“. Ohne Helferinnen aus Polen oder Kroatien kämen viele Familien mit pflegebedürftigen Angehörigen schon lange nicht
mehr über die Runden.
In den letzten 100 Jahren hat sich unser Leben um ein Viertel verlängert. Aus der Drei-Generationen-Familie
werden allmählich vier Generationen. Den schwierigsten Part hat derzeit die dritte Generation, die heute weit mehr Fürsorgegeber als Fürsorgeempfänger ist – und zwar für viele Jahre. Es sind die bereits in höherem Alter befindlichen Töchter und Schwiegertöchter, die die Generationen über und unter ihnen stützen – oft bis zur totalen Verausgabung.
Ohnehin muss Alter heute neu definiert und in mehrere Phasen unterteilt werden. „Ab wann ist man alt?“, fragt die
Soziologin Rosemarie Nave-Herz (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg) und erzählt, dass man den Sonnenkönig Ludwig XIV. (1638-1715), als er im Alter von 47 Jahren noch einmal heiratete, als „Greis“ bezeichnete.
Ältere Familienmitglieder – das sei früher mehr ein funktionaler Begriff gewesen, sagt Nave-Herz. Denn jeder sorgte, so lange er es vermochte, für den Unterhalt der Familie. Somit war die Spanne zwischen dem Ende des Erwerbslebens und dem Tod relativ kurz – 1910 starben die meisten vor Vollendung des 70. Lebensjahres.
Dass es in der bäuerlichen Drei-Generationen-Familie keineswegs so harmonisch zuging, wie uns die Biedermeier-Idylle weismachen will, lässt sich in Altenteilverträgen nachlesen. Nave-Herz berichtet von Beispielen, wo sich der Altbauer schriftlich zusichern ließ, dass er weiter den Vordereingang benutzen darf. Und wie viele Eier ihm wöchentlich zustehen.
Medizinische Forschung, Sport und veränderte Ernährungsgewohnheiten haben dazu geführt, dass die heute
70-Jährige in einer körperlichen Verfassung wie 60-Jährige vor 30 Jahren sind. Hilfs- und Pflegebedürftigkeit beginnen meist erst um das 85. Lebensjahr.
Es gehört in Deutschland allerdings zum Konsens, sich um alte Eltern zu kümmern – unabhängig davon, wie stark der emotionale Bezug ist. Allerdings wird diese Hilfe sehr unterschiedlich gehandhabt. Nave-Herz spricht von „Intimität auf Abstand“. Die Familie legt nicht mehr selbst die Pflege. Das heißt, sie kümmert sich um die Dienste, koordiniert und kontrolliert.
Familiäre Fürsorge endet heute meistens mit der Sterbephase. Immer weniger Menschen begleiten einen Angehörigen zu Hause bis zum Tod. 70 Prozent sterben in Deutschland im Hospital oder Hospiz; in Frankreich sind es sogar 80 Prozent.
Experten in Sachen Alter sind zweifellos die Japaner: Bei ihnen gibt es den höchsten Anteil an über 65-Jährigen in der Bevölkerung. Und die Sehnsucht nach einem langen Leben gehört zu den Werten des Shintoismus.
In Japan gibt es eine starke Familienbindung, die auch Ahnen und künftige Nachkommen einschließt, erläutert
der Japanologe Sepp Linhart von der Universität Wien. Dabei stehen die Kinder gegenüber den Eltern in
der Pflicht. Traditionell war der älteste Sohn der Alleinerbe – und musste dafür im Gegenzug für die Eltern sorgen. Die nachgeborenen Kinder gingen leer aus, hatten aber auch keine Verpflichtung. Noch heute leben 25,2 Prozent der Alten in Japan bei einem Sohn, in Deutschland sind es nur 2,6 Prozent.
Andererseits ist man in Japan durchaus experimentierfreudig bei der Altenbetreuung. So gibt es Roboter, die in
der Pflege eingesetzt werden, etwa um Gebrechliche in die Badewanne zu heben. Es gibt Tier-Imitationen zum Streicheln und es gibt Konzepte, wonach alte Menschen viel mit Kindern und Tieren zusammengebracht werden. Bei der gemeinsamen Tagesbetreuung werden den Kindern regelmäßig kleine Aufgaben, wie das Servieren des Essens, übertragen.
Es gibt also durchaus Alternativen zu dem Bruch mit der Welt der Erwachsenen, wie es die Betreuung in Krippen und Kindergärten bei uns vorsieht. Aber auch hier zeichnen sich bereits Alternativen ab. Vor allen in den Großstädten entwickeln sich Zweckgemeinschaften, um die Kinderbetreuung mit den Menschen zu organisieren,
die man sich selbst ausgesucht hat. Die von Precht favorisierte Groß- und Wahlfamilie hat viele Verästelungen. In einem weiteren Punkt sind sich die Experten einig: Menschen müssen individuell entscheiden dürfen, in welcher
Form sie zusammenleben wollen. Hans Bertram macht für diese Selbstbestimmung nur eine Einschränkung: Wenn Kinder im Spiel sind. „Der Staat muss das Kindeswohl immer in den Mittelpunkt stellen.“
Die Freiberger-Stiftung erhofft sich für ihre Forschungsergebnisse eine Nutzanwendung in der Politik. Bertram formuliert den Wunsch so: „Die Politiker sollen schauen, wie sie Menschen glücklicher machen.“


Artikel erschienen im Münchner Merkur: hier. Von Monika Reuter

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