Ameranger Disput
Religion - Segen oder Fluch für die Menschheit?
Eine religionswissenschaftliche Bestandsaufnahme der Wirklichkeit von Religion fragt danach, was der Glaube an Gott (oder im Fall des Buddhismus entsprechender Äquivalente) individuell und sozial bewirkt, nicht aber, ob Gott existiert – das ist Sache des Glaubens. Es gibt mehr Religionen, als hier zur Sprache kommen. Die Autorinnen und Autoren sind namhafte Intellektuelle, die ihre jeweiligen Traditionen kenntnisreich und engagiert kommentieren, 
aber sie sind nicht repräsentativ. Sie sprechen analytisch über Religionen, denen sie sich selbst zugehörig fühlen, die sie aber nicht um jeden Preis in allen ihren Aspekten und Handlungsweisen verteidigen müssen. Apologetik ist nicht der Königsweg zu einem objektivierbaren Verstehen. Jede der Religionen soll auf ihre befreienden und repressiven Potentiale hin befragt werden. Und natürlich möchten wir prüfen, was getan werden kann, um letztere einzudämmen.
Der vorliegende Band geht auf eine Reihe von Tagungen zurück, die die Ernst Freiberger-Stiftung in Amerang/Chiemgau in den Jahren 2006 und 2007 unter dem Titel »Ameranger Dispute« veranstaltet hat. Das Erwachen der Religionen und ihr Neuauftritt auf der politischen Bühne einer globalisierten Welt machen Angst und wecken Hoffnungen. Nie zuvor sind so viele Religionen in einem vielfältigen Diskurs miteinander verflochten gewesen wie heute. Die einander überlappenden Problemfelder sind kaum überschaubar. Um einige Schneisen in das Dickicht zu schlagen und Möglichkeiten einer produktiven Kommunikation zu erkunden, veröffentlichen wir diesen Band. Im ersten Teil präsentieren die Autorinnen und Autoren Einsichten aus der Innenperspektive der Religionen, wobei der erste Betrag zu der jeweiligen Religion den Schwerpunkt auf die positiven Potentiale, der zweite hingegen das Augenmerk auf die als negativ empfundenen Problemfelder lenken sollte. Dass diese Unterscheidung nicht konsequent durchzuhalten war, liegt auf der Hand. Die weiterführenden Fragen fassen die Diskussionen in knapper Weise zusammen und sollten die Leser anregen, selbstständig weiterzuforschen und sich in ihrem jeweiligen Umfeld an den Debatten um Religion informiert zu beteiligen. Im zweiten Teil werden von Fachleuten spezielle Fragenstellungen erörtert, die sich aus den Wirkungsfeldern von Religion erstens auf der intrapsychisch-individuellen Ebene, zweitens auf der Ebene der Bildung von Gruppenidentität und drittens im Kontext der politischen Gestaltungskräfte in komplexen Gesellschaften ergeben. Wir wollen Wege des Verstehens und der produktiven Gestaltung aufzeigen, beanspruchen aber nicht, Ergebnisse zu kanonisieren. Die Debatte um die Zukunft ist und bleibt offen, so auch die möglichen Handlungsstrategien.
Die Intellektuellen sind in den meisten Fällen nicht die Autoritäten, die die religiösen Institutionen lenken und damit in der politisch und ökonomisch globalisierten Welt Macht ausüben. Wohl aber kann der öffentliche Diskurs Menschen in Bewegung setzen und politisch motivieren, denn alle sind betroffen von der Gewalt und den Konflikten in der Welt, die durch Religionen ausgelöst oder legitimiert werden. Die Autoren wie die Leser tragen politische, wirtschaftliche, wissenschaftliche, pädagogische oder journalistische Verantwortung. Einmischung setzt Verstehen voraus. Das wiederum ist nicht möglich ohne die Übung des Zuhörens, und zwar so frei von Vorurteilen wie nur möglich. Dabei gilt: Eigene Vorurteile zu durchschauen, ist oft der erste Schritt zu produktiven Erkenntnissen.
Es fragt sich, was getan werden kann, um das wahrnehmende und urteilende Bewusstsein so zu schulen, dass es frei wird von Vorurteilen – und damit überhaupt erst urteilsfähig, und dann auch handlungsfähig wird. Die Naturwissenschaften haben gültige Verfahren entwickelt, genau dies zu ermöglichen. Und die Menschheit ist damit erfolgreich. In den Geisteswissenschaften und Sozialwissenschaften ist dies schwieriger, im interkulturellen, sozialen, normativen Diskurs um Werte ist uns noch gar nicht wirklich bewusst: Was sind die Voraussetzung für die Schulung unseres Denkens, unserer Gefühle und Motivationen, damit wir uns nicht in selbst-abkapselnden Ego-Strukturen verrennen? Individualpsychologisch nennt man dies die Überwindung des Narzißmus. Kollektiv-psychologisch handelt es sich um die Überwindung des Fundamentalismus. Der aber ist nicht nur präsent in militanten Religionsbewegungen, sondern lauert oft schon im sogenannten Gutgemeinten der Religion. Tragen wir dazu bei, dieses Netz von Unzufriedenheit zu erkennen und womöglich zu durchschneiden!
Neben den bearbeiteten Beiträgen sind die Diskussionen in Sinneinheiten zusammengefasst worden. Der Wechsel von kursiven und nicht-kursiven Textpassagen dokumentiert die Bündelung von fragen und zeigt das Ergebnis von Diskussionen und Antworten , die teils von den Referenten gegeben wurden, teils auf verschiedene Urheber zurückgehen, die als geladene Gäste die Debatten wesentlich mitgestaltet haben. Ihnen allen, die hier nicht einzeln genannt werden können, gebührt Dank und Respekt. Ich danke Ernst Freiberger und der Stiftung dafür, dass sie den offenen Diskurs in gediegenem Ambiente ermöglicht haben. Ich danke Dr. Otto Helwig für die Transkription der Debatten sowie Birgit und Adrian Tavaszi für die engagierte, substantielle und kluge Mitarbeit bei der Einrichtung, Gestaltung und Korrektur der Texte.
Michael von Brück
Gebundene Ausgabe 2008
Verlag der Weltreligionen
ISBN 978-3-458-71016-5
zu Beziehen über den Buchhandel
+ Zurück
